Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Lautsprechersysteme für Heim und Kirche, Sonderlösungen

Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon Gustav » So 5. Sep 2010, 17:30

Es gab das Thema schon mal ähnlich in 2005, aber seitdem ist eine ganze Zeit vergangen. Ausserdem ging es damals um 'grosse Kirchen', mir geht es um 'grössere Kirchen', also ungefähr eine Grössenklasse weniger. 'Grössere Kirche' möchte ich mit einer Sitzplatzzahl von ca. 300-350 spezifizieren.
Meine zwei Fragen dazu lauten: 1) Kann man das heute guten Gewissens empfehlen? Mein bisheriger Eindruck ist: 'ja'.
2) Gibt es Anbieter/Hersteller, die hinsichtlich der Klangperformance in einer Kirche einer solchen Grösse besonders zu empfehlen sind? Oder ist es letztlich eher eine Frage vom Investitionsbudget und/oder der Verfügbarkeit des Services vor Ort?

Es geht um folgende Anwendung: Kirche mit ca. 350 Sitzplätzen, in der Nähe von Görlitz, also etwas abgelegen. In der Kirche gab es eine recht stattliche Pfeifenorgel mit 26 Registern von ca. 1930, aber die Pfeifen sind im Laufe der Zeit zum grossen Teil verloren gegangen. Auch der Spieltisch ist nicht mehr vorhanden, ebenso ca. die Hälfte der inneren Mechanik. Der Prospekt ist aber noch da und macht optisch und mechanisch einen sehr guten Eindruck. Diese Pfeifenorgel wieder völlig instandzusetzen, würde über 200.000 Euro kosten, was die Mittel der Gemeinde deutlich überschreitet. Diese Ausgangssituation scheint mir für den Einbau einer Digitalorgel sehr günstig. Finanziell kann man mit grob 25.000 Euro für die Technik schon ganz gut hinkommen, das ist eine Summe, die die Gemeinde auftreiben kann. Die Kirche ist auf dem Land, die Leute eher 'traditionell'. Wirklich besondere musikalische Weihen sind hier nicht notwendig, wobei es andererseits auch nicht erkennbar 'billig' klingen darf.

Zu Frage 1: Kann man das empfehlen?
Ich bin kein Organist, deshalb möchte ich die Frage hier im Forum stellen. Die Gemeinde hat de facto keine Ahnung, denkt natürlich eher in Richtung Pfeifenorgel. Die 'Empfehlung' für die Digitalorgel sollte also guten Gewissens gegeben werden können, wenn die zu erzielende Performance nicht wesentlich unter der einer Pfeifenorgel liegt. Meines Erachtens ist das der Fall. Eine Digitalorgel in Kombination mit einer der Grösse der Kirche angemessenen Abstrahlung (hier ist an 6 grosse Lautsprecher gedacht) scheint mir heutzutage eine gute Performance zu bieten.
Wenn man im Internet guckt, findet man bei den Herstellern eine Menge an Referenzen, auch für grössere Kirchen. Diese Referenzen würden dort nicht stehen, wenn die Kirchengemeinden unzufrieden wären. Das ist der indirekte Schluss, den kann ich selber ziehen.
Mir geht es mit meiner Frage hier im Forum noch um konkrete Erfahrungen.

Natürlich habe ich es mir in einer der genannten Referenzen auch selber angehört, in der Kirche St. Bonifatius in 61381 Friedberg. Dort ist seit 5 Jahren eine Rodgers-Orgel installiert, die ich auf eine Preisklasse von ca. 10.000 Euro schätze, sowie eine Abstrahlung, die wohl aus 4 grossen Lautsprechern besteht. Die Kirche hat 300 Plätze und ist auch vom Raumvolumen eine 'grössere Kirche'.
Mein Eindruck war durchaus positiv!
In dem alten Beitrag von 2005 wurde bemängelt, eine Digitalorgel wäre solange gut, solange sie solo oder zu einer Schola spielt, aber den vollen Gesang einer grösseren Gemeinde könnte sie nicht genügend 'tragen'. Also habe ich genau darauf geachtet, es hat sich aber überhaupt nicht bestätigt. Bei meinem Probehören war die Kirche zufälligerweise voll besetzt und die Gemeinde hat sehr lebhaft gesungen. Die Orgel ist nicht in einer Sekunde 'untergegangen', nein es hat sogar ideal zueinander gepasst. Die Abstimmungen der Lautstärken und anderer Kriterien war sozusagen perfekt. Ich bin mir sehr sicher, dass mindestens 95-98% der Besucher gar nicht auf die Idee kommen, dass hier keine Pfeifenorgel spielt, denn es ist ein alter Orgelprospekt aufgestellt 'zur Schau' und die Lautsprecher sind so geschickt oben drauf montiert, dass es der Laie nicht sieht. Hier ist also das Ergebnis so, dass 95-98% derjenigen, die es nicht wissen, gar nicht bemerken. Wenn das das Niveau ist, das heutzutage erreicht werden kann, dann kann man eine Digitalorgel m.E. guten Gewissens empfehlen.
Auch hinsichtlich der klanglichen Güte war diese Digitalorgel m.E. sehr gut. Somit auch bzgl. dieses Kriteriums so gut, dass mind. 95-98% der Besucher wohl nicht bemerken werden, dass keine Pfeifenorgel spielt.
Meine Frage 1 an das Forum: Ist mein positiver Eindruck ein Zufallstreffer oder ist das inzwischen der allgemeine Standard?

Frage 2: Hinsichtlich des Anbieters habe ich mich schon 'vorentschieden' für Ahlborn mit der Praeludium IV und 6 grossen Lautsprechern. Für meinen Fall hat diese Version den grossen Vorteil, dass für die technisch eher unbeleckte Gemeinde ein Firmentechniker in der Nähe vorhanden ist, auch in den kommenden Jahren. Wenn ich aber ins Internet gucke, dann scheinen bei Kircheninstallationen im Moment wohl eher andere Firmen die Nase vorn zu haben. Meine Frage ans Forum ist, ob es Erfahrungen aus Vergleichen o.ä. gibt, bei denen sich der eine oder andere Anbieter als besonders geeignet für einen vergleichbaren Fall herausgestellt hat?
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon inselmensch » Mo 6. Sep 2010, 11:38

Hallo Herr Gustav , ein Problem Ihrer guten Idee sind die Minusgrade in deutschen Kirchen im Winter , sie sind der Elektronik nicht gerade zuträglich . Es muss eine Heizung und ein Luftentfeuchter in den neuen Spieltisch .
Ich würde allerdings eine Softwarelösung einer Digitalorgel von der Stange vorziehen , die Unterschiede sind sehr beeindruckend .
Da ich ab Anfang nächsten Jahres wieder in Deutschland bin , und ich ein solches Projekt fertig habe ,schlage ich Ihnen Folgendes vor : Ich bau Ihnen so etwas , 3 Manuale und Pedal für ca 10000 € Materialkosten und der Hilfe eines Tischlers und Elektrikers . Deren Arbeit ist der Bau eines Gehäuses für den Spieltisch und das Kabelverlegen max . 2 Tage . Und für mich und meinen Berhardiner eine Mietwohnung mit Hundehütte für ca 2 Monate .
Viele Grüsse
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon hinterSatz » Fr 10. Sep 2010, 07:03

Ob sich der Kirchengemeinderat allerdings von einer derartigen "Zigeunerlösung" überzeugen lassen würden, bleibt zu bezweifeln, und wenn der "Zigeuner" dann auf einmal (mitsamt den Garantieansprüchen) verschwunden ist, was machen wir dann mit dem Bernadiner ? Außerdem, wenn die Gemeinde schon 25.000€ zu Verfügung stellt, sollte man die auch verplanen, für zum Beispiel eine Organum II oder vielleicht die neue Roland C-380 mit einer entsprechenden Soundanlage.
Für 25.000€ bekommt man zur Zeit der Kirchenschließungen allerdings auch durchaus eine mächtige Pfeifenorgel angeboten, z.B. unter http://www.gebrauchtorgel.eu/de/ :wink:
Die Orgel ist des Teufels Dudelsack, womit er den Ernst der Betrachtungen in Schlummer wiegt
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon inselmensch » Fr 10. Sep 2010, 19:45

Ich würde ja Wetten abschliessen , das ich beide Digitalorgeln von der klanglichen Autentizität in
die Tasche stecke , nur bei der Unico Serie bin ich mir nicht sicher . Die ist wohl auch nicht unter 25000 zu haben . Eine Pfeifenorgel ist eben eine Pfeifenorgel alles andere sind Kopien .
Herr Gustav kann gerne einige Klangbeispiele von mir bekommen .
Geschäfte basieren zuerst auf Vertrauen , hab auch schon gute Geschäfte mit Zigeunern gemacht .
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Viele Grüsse
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon Gustav » Sa 11. Sep 2010, 20:22

Hallo, jetzt habe ich ja schon drei feedbacks. Der Tipp mit den gebrauchten Orgeln ist ein guter Tip! Aber man sollte dabei bedenken, dass es letztlich immer noch nennenswert teurer kommt - allerdings dann natürlich auch mit einer 'echten' Orgel. Für 25.000 Euro bekommt man gebraucht zwar schon ein ordentliches Instrument, allerdings ist das der allerunterste Preisrahmen einer für eine mittelgrosse Kirche tauglichen Orgel, die dann noch transportiert und aufgebaut werden muss. Wenn ein Prospekt vorhanden ist, muss die Orgel in eingebaut werden, das dürfte in aller Regel nicht ohne nenneswerte Umbauten und Anpassungen möglich sein, die natürlich handwerklich aufwendig sind. Diese Kosten kommen zu dem reinen Kaufpreis noch dazu.
Hinzu kommen die Folgekosten, das wird gerne vergessen. Ein klassische Pfeifenorgel hat deutlich höhere Folgekosten für regelmässiges Stimmen und eine Grundreinigung ca. alle 20 Jahre als jede Digitalorgel. Dieses Geld kann man in der Gemeinde wohl besser für andere Zwecke anlegen (z.B. Jugendarbeit), sofern die Prämisse stimmt, dass die Digitalorgel klanglich sehr nah an die Pfeifenorgel herankommt.
Die Entscheidung ist also nicht einfach.
Zu dem Angebot des 'Inselmensch' ist zu sagen, dass ich den Begriff von 'hinterSatz' mit der "Zigeunerlösung" für eher unpassend halte. Wohl ist es eine 'Einzelkämpfer-Lösung', zu der sich jeder selber überlegen muss, ob es für seinen Bedarf passt. Richtig ist sicher, dass es auch bei einer Digitalorgel um eine langfristige Investition geht, bei der der Auftraggeber auch in deutlich späteren Jahren die Sicherheit haben muss, einen Service und entsprechende Ersatzteile bekommen zu können. Hierfür sehe ich bei den eingeführten Firmen wie z.B. Ahlborn durchaus erhebliche Vorteile.
Vielleicht gibt es noch konkretere Erfahrungen zu meiner ursprünglichen Frage?
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon inselmensch » Mo 13. Sep 2010, 10:43

Herr Gustav , wenn Sie auf Putten stehen , sollten Sie hier unbedingt zuschlagen , es gibt auch einige interessante Beiträge vom Barockengel zum Thema Akustik hier im Forum
Viele Grüsse
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon hinterSatz » Mo 13. Sep 2010, 21:39

Wenn man Installationen von Digitalorgeln vergleichen oder anschauen will, vielleicht mal in der Neuapostolischen Kirche fragen, die können sich Pfeifenorgelbau meist nicht leisten und haben weit weniger Berührungsängste mit digitaler Instrumentierung. :wink:
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon Dieter Schuster » So 19. Sep 2010, 08:14

Bastellösungen sind in einer Kirche völlig unangebracht und eine PC-basierende Lösung ist in diesem Umfeld ohnehin inakzeptabel - das mag im privaten Umfeld fein und interessant sein, aber nigendwo sonst.

Zu den klimatischen Bedingungen: Hochwertige digitale Sakralorgeln sind auch und gerade für den Einsatz in Kirchen konstruiert und gebaut, dazu gehört natürlich auch eine einwandfreie und langjährige Funktion unter unterschiedlichsten Betriebsbedingungen. Ich habe z.B. zahlreiche Orgeln in tropischen Gebieten mit 90%+ Luftfeuchtigkeit, häufigen Ausfällen der Stromversorgung, Spannungsschwankungen etc. installiert und alle diese Orgeln spielen und funktionieren selbst dort, mit dem Einsatz von USV Anlagen zur Stromstabilisierung und mit Akkumulatoren zur Überbrückung von Stromausfällen, problemlos und störungsfrei. Auch Frosttemperaturen sind kein Problem (was man bei einem PC dagegen wohl kaum als gegeben voraussetzen kann...) - das beweisen Hunderte von Digitalorgeln allein in Deutschland im täglichen kirchlichen Einsatz über viele Jahre, oder z.B. Installationen im Norden Skandinaviens, wo Digitalorgeln im Winter Temperaturen vom -10-15 Grad außerhalb von Gottesdienstzeiten ausgesetzt sind.

Für eine Kirche ist der Kauf einer Orgel eine langfristige Investition, die einen ebenso langfristigen Service und Support, eine zuverlässige Funktion, Verfügbarkeit von Ersatzteilen über viele Jahre etc. erfordert. Experimente sind unter diesen Voraussetzungen nicht angebracht und Billig- oder Bastellösungen enden meist in 'teuren Erfahrungen'. Kompetente Beratung hilft Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Viele Grüße,
Dieter Schuster
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Re: Geeignetheit einer Digitalorgel in grösseren Kirchen?

Beitragvon Oktav » So 28. Feb 2016, 20:41

Kann mich Herrn Schuster anschliessen.

Eine Firma, die nicht nur die Orgel im Griff hat, sondern auch die Abstrahlung und den Raum, und die das Ganze betreut, hat enorme Vorteile. Falls eine etwas exquisitere Lösung angestrebt wird, wäre hier auch eine Kombinationsorgel ins Auge zu fassen! Sie haben ja angedeutet, dass doch etliche Pfeifen noch vorhanden sind. Es liesse sich wohl etwas in der Richtung machen, falls Sie die grösseren Markenfirmen kontaktieren.

Gruss,
Oktav
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