Orgelkonzerte gestern, heute und in Zukunft

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Orgelkonzerte gestern, heute und in Zukunft

Beitragvon Dieter Schuster » Mo 25. Aug 2014, 02:49

Heute Nachmittag, 24. August 2014, waren Thomas Barth (Bauer-Music Geschäftsführer und damit auch Gastgeber dieses Forums) und ich Besucher eines Orgel- und Chorkonzerts in der kath. Kirche St. Kilian in Erfstadt-Lechenich. Eigentlich war der Hauptanlass dieser Fahrt, die dort von Bauer-Music vor einigen Monaten installierte dreimanualigen Rodgers Infinity 361 Orgel einmal 'in Aktion' zu hören und nebenbei auch noch einen Servicefall in der Nähe zu erledigen.

Das Konzert war ein Programmpunkt des 'Erftstädter Orgelsommers 2014' - also einer der zahlreichen regelmäßigen Orgelaktivitäten kreuz und quer durch die Republik.

Was uns zu allererst auffiel: Die Kirche war nahezu komplett mit Besuchern gefüllt - und das ist heutzutage ganz sicher nicht selbstverständlich für Veranstaltungen dieser Art.

Zweitens: Das Konzert stand unter dem Motto 'I believe I can fly' (unter Bezug auf den Titelsong des Films Space Jam aus den 1990er Jahren , komponiert von R. Kelley), ein Filmsong, der zum 'Ohrwurm' wurde.

Drittens: Unter diesem Motto wurden vom Organisten der Gemeinde sowie einem regionalen Chorensemble keineswegs nur 'Tiriviales' präsentiert, sondern auch anspruchsvolle Chor- und Orgelwerke christlichen und säkularen Ursprungs.

Viertens: Die beteiligte Rodgers Orgel lieferte nicht etwa 'nur' bekannte Klangstrukturen einer Pfeifenorgel, sondern auch (Pfui!) alternative, neue Klänge wie Streicherensembles, vom Pedal gespielte Pauken, ja sogar 'moderne' Sounds wie E-Piano oder 'Synthesizer-Soundflächen' - dies allerdings zur erkennbaren Erbauung und Begeisterung des Publikums.

Fünftens: Kaum ein Besucher verließ das Konzert vorzeitig. Vielmehr 'mussten' Chor und Organist zwei (wiederum mit viel Beifall honorierten) Zugaben liefern, begleitet von Standing Ovations des begeisterten Publikums.

Dabei erinnere ich mich auch an andere Orgelkonzerte, kreuz und quer verteilt durch die Republik. Orgelkonzerte von teils durchaus hohem künstlerischen und vortragstechnischem Wert. Viele davon mit vielleicht 20 Besuchern oder gar weniger. Ausdrücklich ohne Zwischenapplaus des Publikums - immerhin befindet man sich im Heiligtum eines sakralen Raumes...
Teils tolle musikalische Programme - von Bach über Pachelbel, Sweelinck, Buxtehude, Vierne, Saint-Saens etc., aber mit eher trauriger Resonanz. Kein Kontakt zwischen den Akteuren und den wenigen Zuhörern, kein Feedback, höflicher Applaus am Ende... - mit anderen Worten: Veranstaltungen in der Dunstglocke eines sehr überschaubaren Publikums, von den auch noch ein Teil davon aus bekannten/befreundeten Kirchenmusikern besteht, der sich danach womöglich auch noch genüsslich in dezidierter Kritik über verfehlte Interpretation oder technische Mängel und Fehler ergeht.

Dieses konkrete Konzert mag in diesem Sinne vielleicht 'trivial' erscheinen, versuchte es doch Werke alter und bekannter Meister der Vergangenheit mit Themen 'neuzeitger, zeitgemäßer' Musik zu verbinden. Dies ist anscheinend aber durchaus gelungen - immerhin war die Kirche 'randvoll', und das Publikum fühlte sich offensichtlich rundum bestens unterhalten.

Dies kann man nun entweder als zunehmende Trivialisierung der Kirchenmusik beklagen - oder auch als Zukunftschance für Art, From und Inhalt zeitgemäßer kirchenmusikalischer Musikveranstaltungen begrüßen.

Mich würden nun IHRE eigenen Erfahrungen mit der Besucherfrequenz und Resonanz kirchenmusikalischer Veranstaltungen interessieren. Welche Bedeutung messen Sie der Orgel im Rahmen solcher Veranstaltungen bei, und wie beurteilen Sie den Stellenwert und den Beitrag der Orgel der Orgel in den unterschiedlichen Ansätzen und Bemühungen zur Popularisierung der Kirchenmusik?

Ich freue mich auf einen angeregten Gedankenaustausch.
Viele Grüße,
Dieter Schuster
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Re: Orgelkonzerte gestern, heute und in Zukunft

Beitragvon hinterSatz » Mo 25. Aug 2014, 18:49

Also zumindest laut Wikipedia hat man in St.Kilian in Erftstadt-Lechenich eine Weimbs-(Pfeifen)Orgel mit 27 Registern. Wozu brauchen die da eine Rogers Infinity ? Pauke und Streicher hätte man notfalls ja auch akustisch realisieren können..
Die Orgel ist des Teufels Dudelsack, womit er den Ernst der Betrachtungen in Schlummer wiegt
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Re: Orgelkonzerte gestern, heute und in Zukunft

Beitragvon elias orgel » Di 12. Jan 2016, 21:18

glück gehabt

meine wahrscheinlich viel zu lange und streckenweise uninteressante Antwort ist gerade vom Datennirvana verschluckt worden...

für mich sind Konzerte am interessantesten wenn ich etwas neues, unerwartetes und vielleicht auch risikoreiches erleben kann
am schlimmsten wäre das Gefühl lieber zuhause eine CD gehört zu haben - dann ohne kalte Kirche, hustende Nachbarn und Handygeklingel

Konzerte sind für mich immer Gesamtpakete bei denen ich es geradezu unglaublich finde, dass eine Kirche komplett in Maximalbeleuchtung erstrahlt
obwohl es außer Rissen in den Wänden schon nach wenigen Minuten nichts mehr zu sehen gibt

leider ist auch mir klar, dass viele Faktoren die zu einem besonderen Konzerterlebnis führen überhaupt nicht planbar und mitunter rein Zufällig sind
(da sitze ich in einer eher schlechten Hmoll Messe und bin zu Tränen gerührt, ohne einen erkennbaren Grund auszumachen)

trotzdem finde ich, dass man es merkt wenn über Dinge nachgedacht wurde, wenn sich jemand Mühe gegeben hat - auch wenn das natürlich keine Gewähr für Qualität ist
da kann eine dahingeschmissene Improvisation wieder bezaubern während ein schweres Stück grandios vorgetragen und interpretiert einfach nicht über ein bewunderndes Lob hinaus reicht
und das Schlimmste - beim Nachbarn kann es genau umgekehrt sein

ich selbst bin oft viel zu verkrampft und kontrolliert als dass ich es schaffe für meinen Chor neben der Nötigen Anspannung auch noch eine angenehme Wohlfühlatmosphäre zu schaffen
so dass jeder Spass hat trotz des Anspruchs auch ordentliche Musik abzuliefern und nicht nur Tönesingen

wenn aber jetzt jedes Orgelkonzert des Nachts und mit von innen beleuchteter Orgel stattfände (mit Kerzenlichtinseln und Räucherstäbchen)
würde ich mich sicherlich nach einem taghellen langweiligen Kirchraum sehnen

am Schwierigsten sind natürlich die Erwartungen (laut Eckhard v Hirschhausen)
ist es für unser Erleben ideal (am unübertreffbar Besten) wenn etwas besser ist als erwartet
(darum sind Autofahrer gehobener Marken eher unzufrieden weil sie hohe Erwartungen haben)
aber das lässt sich logischerweise überhaupt nicht planen

und auch Fehler oder Missgeschicke können ja durchaus charmant sein und keinen Punktabzug in der B-Note hervorrufen
ich erwarte bei Orgelkonzerten nie Fehlerfreiheit - egal welcher Name
aber ich bin entsetzlich enttäuscht wenn Menschen viel Schauspiel und Wind um sich machen
und ich das dann im Spiel nicht wiederfinde

ich lasse mich lieber von einem Außenseiter überraschen (oder einen für mich bislang Unbekannten als Entdeckung begreifen)
als mit einer großen Menge einem vielleicht etwas zu sehr gefeierten Star zujubeln zu dürfen (aber das gilt natürlich nur für mich)

und leider versuche ich viel zu oft mein Gefühl zu unterdrücken, dass ich das aber besser könnte und wie kann mann denn nur diesen Sänger für diese Rolle besetzen...
wieder bin ich häufig viel zu wenig offen für anderes und ganz schnell mit einer Wertung dabei

Aber mir ist ein Konzert oder was auch immer lieber bei dem ich denke "was für ein Blödsinn - des Kaisers neue Kleider, und keiner sagt was"
also so eine - naja wie überall Aufführung ohne Höhen und Tiefen mit der kleinen Schwester von Sch... als bleibendem Gefühl
ganz nett...

für mich stehen Live-Erlebnisse immer in direkter gedanklicher Konkurrenz zu den vielfältigen Möglichkeiten die ich zuhause habe
(Fernseher mit gutem Bild, Lautsprecher mit gutem Klang)
und da es ja fast immer schon irgendwo eine perfekte oder zumindest mir sehr gefallende Aufnahme von vielen Stücken gibt
vergleiche ich den Aufwand (Anreise, Kartenpreise, evtl unangenehmer Nachbar etc) immer mit dem Mehrwert den das gerade Erlebte bietet
(und es kann passieren, dass ich mich ernsthaft Frage ob es erlaubt wäre in der Pause zu gehen, immerhin waren die Premierenkarten ein eher hochwertiges Weihnachtsgeschenk und da muss man auch die Befindlichkeiten des Anderen mitberücksichtigen... Schlimmster anzunehmender Fall tritt dann ein: Es gab keine Pause ;-)

Da ist ein Konzert mit erklärenden Beispielen natürlich interessanter als die CD zuhause
Orgel mit zusätlichlichem Farbgedöhns und ein paar zufällig anwesenden Freunden genauso
Ein WO bei dem der Chor mit den Worten "tönet ihr Pauken" beginnt lässt mich aufhorchen
und selbst ich kann nicht überhören, dass sich da wohl jemand etwas dabei gedacht hat
(dieses rumgetriller bei Bach dmoll Tokkatttaatatatatataaaa geht mir allerdings auf die nerven)

ich pendle ganz oft zwischen Avantgarde und einer recht konservativen Haltung
zu welchen sich dann noch so ein "ich würde das nie so machen - das ist ja furchtbar" Gedanke schleicht

und mein Lieblingskriterium ist "Bezaubert" wenn mich die Notausgangsbeleuchtung im Kino nicht mehr stört
und ich tatsächlich mal ganz und völlig mit meinem Denken und Fühlen auf der Leinwand bin
dann bin ich im wahrsten Sinne bezaubert und mir hinterher sicher etwas tolles verpasst zu haben
wäre ich nicht dabei gewesen (wie gesagt, das ist nicht auf ein LiveErlebnis beschränkt)
leider ist das nicht so oft wie ich es gerne hätte

aber dann könnte es immer noch besser als erwartet gewesen sein ;-)
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Re: Orgelkonzerte gestern, heute und in Zukunft

Beitragvon Dieter Schuster » Mi 9. Mär 2016, 03:21

hinterSatz hat geschrieben:Also zumindest laut Wikipedia hat man in St.Kilian in Erftstadt-Lechenich eine Weimbs-(Pfeifen)Orgel mit 27 Registern. Wozu brauchen die da eine Rogers Infinity ? Pauke und Streicher hätte man notfalls ja auch akustisch realisieren können..


Diese Frage erledigt sich von selbst, wenn man den Vorzug genossen haben sollte, beide Instrumente im direkten Vergleich gehört zu haben. Dazu müsste man sich dann allerdings halt auch die Mühe gemacht haben, sich persönlich dorthin zu begeben. Jede der beiden Orgeln für sich hat, dort vor Ort, nämlich seine ganz eigene und eigenständige klangliche Aussage hinterlassen, in exakt demselben Raum, und dies völlig abseits jeglicher Pauken und Streicher - einfach 'nur' und ganz profan als bloße Orgeln. Ist das denn SO schwer vorstellbar...?

Zwei Jahre zuvor gab es übrigens in exakt derselben Kirche ein Konzert von Hector Olivera, und zwar an einer der (damals) ziemlich neuen, kleineren Rodgers 500-Serie Digitalorgeln - UND an der erwähnten Weimbs-Pfeifenorgel. Auch dort ging es nicht etwa um die häufig allzu schlicht wie pauschal gestellte Frage 'wozu digital wenn es es doch eine 'echte' Orgel gibt...' - sondern vielmehr um die Gegenüberstellung zweier Konzepte, Traditionen, Klangbilder/Klangwelten.

Ist es denn wirklich SO schwer es zuzulassen, dass durchaus auch mehrere unterschiedliche Darbietungsformen ihre ganz eigenen Reize oder zumindest ihre 'eigenständigen Berechtigungen' haben könnten (wer auch immer solche 'Berechtigungen' überhaupt kulturwirksam zu erteilen ermächtigt sein mag...)?
Viele Grüße,
Dieter Schuster
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